Zwei Jahre in Fernost

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Oh, you speak Thai?

Update meiner post-reisenden Erfahrungen:

Es sind mittlerweile einige Urlaube sowie ein Praktikum seit dem Ende meiner Reise im Frühling vergangen. Wie sich zum Amüsement meiner Familie und Freunde zeigt, finde ich schon fast automatisch den Kontakt zu anderen, asiatischen Touristen (dafür um einiges schwieriger zu den Europäern). Die Überraschung ist stets sehr groß, wenn der Smalltalk einigermaßen fließend in ihren Landessprachen Thai, Khmer, Japanisch oder (allerdings sehr holprig) Koreanisch vonstatten gehen.

Ahwi, eine enge Freundin aus Seoul, habe ich mittlerweile schon zweimal in Wien und Mailand wiedergetroffen. Es ist ein seltsames Gefühl zu wissen, dass es irgendwo am anderen Ende der Welt Menschen gibt, die einem eine Menge bedeuten; ein Gefühl das offenbar auf Gegenseitigkeit beruht.

Inzwischen kann ich einige neue, japanische Freunde verbuchen, die ich während einer Anstellung als Übersetzungsaushilfe (Japanisch-Deutsch) für ein internationales Training der Rettungseinheit ReDog in Genf kennen gelernt habe.

In Mailand waren es zusätzlich koreanische Touristinnen in meinem Alter, die schon beinahe schockiert wirkten, dass mein Arbeitsplatz keine 25 Minuten von ihrem, selbst in Korea unbekannten Wohnort Namwon entfernt war.

Ich werde demzufolge das gelernte Vokabular nur schwer los. Sicher, meine Sprachkenntnisse sind lange nicht auf dem Stand wie zu jener Zeit, als ich in den jeweiligen Ländern gearbeitet habe. Aber es reicht nach wie vor, um mit Freunden zu skypen, selbst mein Vokabular in der Stammessprache La^Hu überrascht die Kids im El Shadai Heim in Thailand. Nun, mein Defizit in Mathematik scheint sich im Linguistischen auszugleichen. Mir ist es recht. Sehr sogar.

 

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Tipps

Ihr merkt sicherlich, ich kann es einfach nicht lassen etwas zu schreiben. Ich gebe sogar zu, dass ich gerne in den Archiven meines eigenen Blogs stöbere und mir halb oder ganz vergessene Ausschnitte durchlese. Im Grunde ist dieser Blog seit einer ganzen Weile zu Ende. Und um folgenden Kritikpunkt anderer zu bestätigen: Ja, es waren keine vollen zwei Jahre. Noch vor einer Weile hätte ich mich dafür geschämt, immerhin war es mal mein großes Ziel für mehr als 700 Tage unterwegs zu sein. Mittlerweile finde ich nicht mehr, dass ich mich rechtfertigen muss. Zwei Jahre waren nun einmal geplant, ich musste mich anpassen. Und sollte es mich noch einmal für solange (oder länger) hinziehen weiß ich jetzt wie, wo und bei wem. Für mich zählt nur das.

In diesem Jahr sind einige meiner weitgereisten Freunde und ich oft angesprochen worden, wie man solche Reisen anstellt; was mich – ohne beleidigend werden zu wollen – besonders in meinem niederbayerischen Umfeld doch ziemlich aus den Socken haut. Wirklich lang und viel gereist wird dort allerhöchstens für drei Wochen in den Urlaub, dann aber eher zum Chiemsee. Was ich keinem absprechen will. Aber was ist seit 2014 nur passiert? „Plötzlich“ entschließt sich der „kleine“ Bruder meines Kambodscha-Traumas David (ein alter Schulfreund) für ein Jahr nach Südamerika zu gehen. Ein Taek Won Doler den ich im Training kennen gelernt habe reist bald schon zum einjährigen Arbeiten nach Kanada ab. Der Sohn einer Bekannten meiner Mum fliegt sogar mit der selben Orga nach Nordthailand. Und wie es die Gespräche so ergeben stellt sich heraus, dass man bis vor wenigen Monaten sich so etwas noch gar nicht habe vorstellen können. Aber hm, ja bis zum Studium sei doch eh Zeit. Und man habe ja auch diesen und jenen Blog mitgelesen (was unsere Egos natürlich auf einen LSD-ähnlichen Trip bringt). Außerdem werde ich immer wieder nach Tipps gefragt. Darum soll es in diesem Beitrag nun gehen.Tipps. Ja, ich weiß: Die Einleitung ist vermutlich länger als der Hauptteil.

Tipps, explizit für tropische Länder:

*für alle Boxershortsträger: Nehmt die engen. Mit dem, was das Klima von den lockeren übrig lässt könnt ihr nach zwei Monaten vielleicht noch Fenster putzen.

*übertreibt es nicht mit dem Mückenspray. Natürlich solltet ihr gerade in Malaria- und Denguegebieten vorsichtig sein. Mir hat in den ersten Wochen das ständige Einsprayen nur Ausschläge beschehrt. Am Ende stellte sich heraus, dass die Viecher mich ohnehin nicht mögen. Falls ihr nahöstliche oder indische Verwandte habt werden eure geschätzte Kollegen die beste Ablenkung für Mücken sein.

*folgende Arzneien habe ich bei Krankheiten verwenden müssen: Paracetamol und Kohletabletten. Übertreibt es nicht mit Antibiotika (zumindest unterschätzt ihr besser nicht das Risiko einer zu frühen Absetzung), idR wird euer Körper selber damit fertig, wichtig ist eben das Trinken und dass ihr die Schmerzen irgendwie aushaltet (Ibuprofen hilft erfahrungsgemäß gegen starke Gelenkschmerzen im Fieber). Bei Durchfall hilft oft Reis anstatt Kohletabletten. Nehmt außerdem ein Standby gegen Malaria mit, nur für den Fall

*wenn ihr in Deutschland noch keine Reisesser seid, fangt langsam damit an. Reis stopft sehr, wenn man ihn zu essen nicht gewohnt ist und einer meiner Kollegen hatte eine Woche lang keinen Stuhlgang. Klingt nicht so schlimm? Für ihn und mich folgte darauf eine sehr unangenehme Nacht in einem kambodschanischen Krankenhaus.

Generelle Tipps:

*bevor ihr abreist, lernt ein paar Sätze der Landessprache. Es wird immer wieder unterschätzt wie viele Pluspunkte man damit erreicht. Wenn ihr nach einer Weile einigermaßen fit darin seid, versucht es mit Lokalsprachen wie zB Dialekten oder Stammessprachen. Das ist in etwa so cool wie wenn ein Austauschschüler aus (zB) Botswana zu uns kommt, schon etwas Deutsch spricht und nach zwei Monaten anfängt Hessisch zu babbeln oder boarisch zu gsoadln.

*es klingt vermutlich hysterisch, aber lest euch die Warnhinweise beim Auswärtigen Amt durch. Es ist so, dass ich selber ein ums andere Mal nur haarscharf an Trickbetrügereien und versuchten Erpressungen vorbeigeschrammt bin. Auf der Website stehen immer wieder sehr detaillierte Maschen mit denen man versuchen könnte euch in dunkle Ecken zu locken. Besonders beliebt ist in Südostasien anscheinend die „Ich habe eine Tochter/Nichte/Cousine 10ten Grades die zufällig für ein Jahr in Dein Land reist“-Masche.

*für mich als genießender Einzelgänger dürfte das leichter fallen als anderen. Aber versucht euch mal gezielt alleine – ohne Reisegefährten, außer es sind Einheimische – zu bewegen. Ich bin schon oft in Streit mit anderen darüber geraten, dass man auch zu zweit oder in Gruppen ganz besondere Erlebnisse haben kann. Das will ich ja nichtmal bestreiten. Ich sage nur: Wenn ihr aus eurem sicheren Nest nicht herauskommt entgeht euch einiges. Menschen werden auf Einzelne vermutlich offener und schneller zugehen.

*nehmt in Drittweltländern immer ein paar Dollar in der Tasche mit. Ich will euch damit nicht abschrecken, aber es ist immer besser man hat im Falle eines Raubüberfalles etwas dabei. Und dass Leute, die nichts zu geben haben nicht einfach mit dem Leben verschont werden, müssen leider einige meiner einheimischen Freunde durch den Verlust Angehöriger bestätigen. Wie gesagt, nicht erschrecken, habt einfach immer so 5 bis 10 Dollar parat.

* bleibt trotz aller Vorurteile offen für die Menschen. Ja, es gibt Kulturen und Bräuche bei denen muss man schwer schlucken. Nehmt es als Erfahrung auf. Ihr müsst ja nicht so werden. Aber Kritik oder gar herablassende Kommentare (zu denen ich mich leider auch verleiten ließ) werden euch nicht helfen zu verstehen. Und mal ganz unemotional betrachtet: Nahezu alles was euer Gut-Böse-Schema fasst ist anerzogen. Genauso ergeht es Menschen anderer Kulturkreise.

*wascht unter gar keinen Umständen lokal auf Märkten gekaufte Textilien zusammen mit euren aus Deutschland. Erstere färben oft ab.

*sucht euch ein Hobby oder einen Sport der im Land beliebt ist. Fußball ist immer eine gute Brücke, aber besonders über landestypische Kampf (Muay Thai, Bokkator etc) – und Ballsportarten (Ta Kraw, Soay etc) könnt ihr gut Kontakte mit der Bevölkerung knüpfen. Auch Tänze und Musik sind dafür wie geschaffen.

*achtet sehr genau auf euren Körper. Wenn ihr irgendein Unbehagen spürt und es über Stunden immer wieder kommt solltet ihr zum Arzt. Ich hatte selber zweimal eine Infektion an der rechten Wade. Beim ersten Mal war es nur ein aufgekratzter Mückenstich; der Muskel verkrampfte, was ich einfach ignorierte und färbte sich nach wenigen Tagen blau. Das Laufen tat weh und ich musste mit Antibiotika versorgt werden. Die Wunde eiterte über Wochen. Beim zweiten Mal bin ich in eine Klammer getreten und der Muskel hat nach einer Weile ganz leicht gekrampft. Ich bin sofort zum Arzt gegangen der mir eine weitere Infektion, zum Glück im Frühstadium und leicht behandelbar, attestierte.

*die DKB hat meines Erachtens die beste Kreditkarte für Auslandsaufenthalte. Ihr erhaltet bei schriftlicher Anfrage die Automatengebühren in nahezu jedem Ausland zurück.

Diese Liste werde ich wahrscheinlich demnächst noch weiter führen. Ihr könnt mich auch gerne anschreiben wenn ihr Fragen habt.

 

Gefangen zwischen den Welten

Anmerkung: Derzeit findet wieder unsere alljährliche Spendenaktion für das El Shadai Kinderheim in Chiang Rai (Nordthailand) statt! Mit den Spenden sollen das Schulgeld, Kleidung und Instandhaltungsmaßnahmen im Heim ermöglicht werden.


 

Fast einen Monat liegt die, nun definitiv feststehende Beendigung meiner Reise hinter mir. Dass ich vor meiner Rückkehr nach Deutschland noch eine Woche lang in Kambodscha gewesen bin, dort von alten Schülern und Freunden herzerwärmend begrüßt und zu einer traditionellen Khmerhochzeit eingeladen wurde und im Haus eines eng befreundeten Khmer auf persönliche Aufforderung übernachtet habe, dürfte den meisten Lesern entgangen sein. Es ist meine Schuld. Ich habe mir vorgenommen, dieses neue Kapitel als Reisebericht getrennt zu verfassen und somit alle, die schon früher mit diesem Beitrag gerechnet hatten im Unklaren gehalten. Ich möchte mich hierbei dafür aufrichtig entschuldigen.

Wie bei meiner letzten, kurzfristigen Unterbrechung fange ich wieder an Vergleiche anzustellen und meine Umwelt in Deutschland aus der Perspektive eines Unbeteiligten zu analysieren. Der Unterschied zum letzten Mal: Ich habe es im ganzen Monat nicht geschafft irgendwo anzukommen. Seit vier Wochen pendle ich, meiner privaten Situation verschuldet, zwischen vier Bundesländern, diversen Auswahlverfahren und Besuchen bei Freunden und Verwandten hin und her.

Der absolute Nachteil: Es fällt mir schwer, ehrliche Freude zu zeigen wenn ich die Menschen – allen voran enge Freunde -, die mir ja am Herzen liegen, nach knapp einem Jahr wieder sehe. Wie meine wieder mal deutlich weitsichtigeren Eltern mir in meinen verzweifeltsten Stunden klar gemacht haben, bin ich nicht einmal dazu gekommen meine neu gewonnenen Freunde in Korea und Japan richtig zu vermissen. Wie also soll ich auf meiner Gefühlsebene schon bereit für ein Wiedersehen sein?

Trotzdem komme ich nicht umhin zu bemerken, dass sich einige meiner Freunde doch verändert haben. Ich bemerke das im Hinblick auf mein Fazit vom Vorjahr, bei dem ich mich, wenn ich mich richtig erinnere, vielleicht etwas hochmütig darüber geäußert habe, wie wenig die Menschen Daheim sich verändert hätten. Nicht, dass ich zwingend eine Veränderung erwarte. Aber bei einigen Freunden merke ich doch, dass Ihnen das Studium oder die Ausbildung gut tun. Da sieht man es, als eitler Reisender. Man muss nicht ans Ende der Welt gehen, um zu reifen. Dass ich allerdings wieder nach Bayern zum Studieren und gar Leben zurück gehe fiele mir im Traum nicht ein. Schee wars scho. Aber Hoamad is do, wo s di woifuist. Und im Kopf bewegt sich mein „Heimat“ gerade irgendwo zwischen dem 90. und 150. Grad östlicher Länge. Weil ich, ganz einfach, einen Platz dort habe. Meinen Platz und meine Rolle hier in Deutschland muss ich jetzt erst definieren.

Der Vorteil, um auf meine derzeit heimatlose Situation zurück zu kommen, zeigt sich in meinem absoluten Unbeteiligtsein und einer daraus resultierenden, emotionalen Festigkeit wenn es um haarige oder unangenehme weil ungewohnte Situationen geht. So hatte ein glatzköpfiger Kerl im Bahnhof München, den ich beim Ausweichmanöver vor einem Blinden versehentlich gerammt hatte und der mir eine „Kopfnuss“ im Falle einer Wiederholung in Aussicht stellte, nicht mit der Gegenaufforderung gerechnet, dass er es mal versuchen könne. Solche Idioten habe ich nach sechs gewaltfreien Monaten (vom Kickboxen einmal abgesehen) in einer der kriminellsten Städte Südostasiens besonders gerne. Zum Fressen.

Umgekehrt scheine ich derzeit eine Art Blase um mich geschaffen zu haben. Friedliebende Passanten meiden mich zumeist. Bin ich höflich und helfe dabei, Kinderwagen aus Wagons zu tragen oder Gepäck zu verstauen zeigt man sich erstaunt, ja beinahe irritiert.

Das letzte dreiviertel Jahr habe ich (vermutlich zum ersten Mal seit Jahren) frei von Krankheiten oder ernsthaften Erkältungen überstanden. Bis ich, kaum drei Tage in Deutschland, erst einmal mit einer Grippe im Bett liege. Das Tropenfieber (oder was auch immer mich zwei Wochen ins Bett zwang) in Kambodscha scheint mein Immunsystem zwar gegen jegliche asiatische Erreger immun gemacht zu haben; dafür laufe ich jetzt offenbar Gefahr im eigenen Land einer Männergrippe zu erliegen.

Und wie ich hier so schreibe, stelle ich fest: Ich habe meine knapp zwei Jahre in Fernost noch kein bisschen verarbeitet. Aber was soll´s. Laut Prognose eines befreundeten, deutschen Pastors in Nordthailand kann das ohnehin noch Monate dauern. Die Wurzeln die mein Herz dort geschlagen hat, sind ohnehin bereits zu tief, als dass ich mich einfach so und völlig ohne Hindernisse wieder einleben könnte. Und genau das… Ja, genau das sagt mir, dass diese Zeit in Asien nicht vergeudet war. Dass das Projekt II Milione der richtige Weg für mich war. Was ich jetzt daraus mache liegt wieder in meiner Hand.

Ein weiterer Abschied

Anmerkung: Derzeit findet wieder unsere alljährliche Spendenaktion für das El Shadai Kinderheim in Chiang Rai (Nordthailand) statt! Mit den Spenden sollen das Schulgeld, Kleidung und Instandhaltungsmaßnahmen im Heim ermöglicht werden.


 

Mehr als vier Monate sind vergangen, seit ich verfrüht im Stadtviertel Roppongi in Tokio festsaß und auf eine Antwort meiner Gastfamilie gewartet habe. Vier Monate… Die Zeit scheint seit meinem Reisebeginn vor knapp zwei Jahren nur noch zu rasen. Es wirkt für mich mittlerweile schon unfassbar, was alles passiert ist; sowohl in den letzte vier Monaten, als auch in der Reise insgesamt.

An manchen Abenden klappe ich spontan meinen Laptop auf, klicke mich durch die mittlerweile dutzenden Alben in der Rubrik „Asienreise“ und scrolle durch die Bilder. Auf einem grinsen mir Surapong, Sudyod und die Twins, allesamt aus dem Blessing Home in Chiang Rai, entgegen. Ich versuche mich zu erinnern wann und wo ich dieses Foto geschossen habe. Rötlich braune Kacheln im Hintergrund. Genau! Es war in der Dorfkirche von Huay Plakang. Mein Curser arbeitet sich weiter vor. Eine Ebene von Reisfeldern. Hie und da Palmen, schwarz im Gegenlicht der Morgensonne. Nebelschwaden liegen schwer auf dem Panorama. Kein Zweifel. Dieses Foto entstand während eines meiner (sehr) früh morgendlichen Spaziergänge in Tonle Bati. Irgendwann im Juli vermutlich, denn davor hatte ich ja in Phnom Penh gewohnt.

Ich wechsle die Alben. Gelange zu einem nächtlichen Großstadtpanorama. Lichtspuren vermischen sich mit den Gesichtern von Passanten. Ich muss lächeln. Einer meiner Versuche in Koreas Hauptstadt Seoul, ohne Stativ, den nächtlichen Gangnam in Szene zu setzen. Eigentlich schade, denke ich, dass keine meiner Bewerbungen als Lehrer geklappt hat. Nach einem Monat auf einer Farm im Süden des Landes wäre ich schon noch gerne länger geblieben. Nun, ich habe trotzdem Einiges mitnehmen können.

Dann meine letzte Etappe auf Bild und Ton. Japan. Womit ich den möglicherweise gelangweilten Leser nun auf meine letzte Woche im Land der aufgehenden Sonne hinführen möchte.

Entschuldigt die tendenziös philosophischen Ausschweifungen. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Beitrag verfasse sitze ich im heißen Phnom Penh, meinem Zwischenhalt auf meinem Rückweg nach Deutschland. Ich bin das Klima nicht mehr ganz so gewohnt, mein Körper schreit nach Wasser, mein Kopf fühlt sich schwer an. Das Beste was ich an diesem leicht windigen Morgen, mitten in Kambodschas Hauptstadt, tun kann ist, meinen Blog zu aktualisieren. Den ich unglücklicherweise in den letzten zwei Monaten sehr vernachlässigt habe.

Die letzte Woche (bzw. vier Tage) vergeht – entschuldigt wenn ich es so schlicht formuliere – sehr unspektakulär. Von den meisten Menschen, die mir nahe stehen, habe ich mich ja bereits verabschiedet. Jimmy und ich bleiben die gesamten verbliebenen Tage von jeglicher Form von Arbeit verschont. Wir sollten uns wohl etwas nutzlos und unwohl dabei fühlen, nachdem wir hier die Gastfreundschaft einer befreundeten Familie in Anspruch genommen haben.

Stattdessen aber müssen wir jedes Mal lachen, wenn wir uns selber als „Slobs“ bezeichnen und überlegen, wie wir uns revanchieren sollen. In Dorothees Haus hätten wir den Boden gereinigt, Geschirr gespült, vielleicht mal gekocht. All das dürfen bzw. können wir hier nicht. Eine Geschirrspülmaschine sowie Natsko Sans Auffassung von Gastfreundschaft „ketten“ uns förmlich an eine ungewohnte Menge an Freizeit. Was wir damit anfangen? Nun… Das Kendo Examen ist bestanden. Natsko Sans Sohn lädt uns nach seiner Schule zum Mitspielen auf seiner Konsole ein. Ich mache mir langsam Sorgen um meine Fitness, bei all dem guten Essen und Nichtstun.

Ich frage mich durch meine Familienkreise ob es denn etwas gibt, dass ich mitbringen soll. Essstäbchen, teilen mir beide Elternteile unabhängig voneinander mit. Ich muss grinsen als ich nach meinem zweiten Anruf den Hörer beiseite lege. Natsko San weiß auch schon, wo ich das Gewünschte her bekomme. In einer riesigen Shoppingmall in Mito City gibt es eine ganze Verkaufsabteilung für handgemachte, japanische Keramik und Besteck. Ich kann aus einem riesigen Sortiment eigene Sets zusammenstellen.

Für unsere Senseis Shiina und Matani, außerdem meinen Judotrainer Ike-Uchi Sensei und unsere „neue“ Gastfamilie suchen Jimmy und ich nach einem passenden Dankeschön. Fündig werden wir in einer Bäckerei die speziell Kuchen, Kekse und Pralinen – welche in Japan allesamt als Delikatessen gelten – verkauft.

Zwischen all den höchst emotional motivierten Handlungen lassen wir uns noch einmal zu einer ziemlich blödsinnigen Aktion verleiten. Manchmal verlieren wir einfach den Anspruch erwachsen zu sein. Und bereuen es auch nicht wirklich. Über die letzten Wochen haben wir alle 1- und 5-Yen Münzen in einer Tüte angesammelt. Wir bezahlen so gut wie nie damit, der Wert beträgt zudem weniger als 1 Cent. Mehr als 300 Gramm bzw. vermutlich um die 200 Münzen bekommen wir schließlich zusammen. Und marschieren damit zum nächstbesten Schrein.

Es ist sicherlich keine Tat auf die man stolz sein sollte. Bei meinem Gebet unter dem hölzernen Dach wünsche ich mir als allererstes, dass man uns für diese Aktion nicht verflucht und der Priester nicht ausgerechnet jetzt um die Ecke kommt. Auch Jimmy lässt sich mit gefalteten Händen Zeit. Schließlich ist es soweit. Wir packen die Tüte aus. Das Geräusch rieselnden Geldes zieht sich über gut zehn Sekunden hin. Als auch die letzte Münze in den Tiefen der Truhe verschwindet, verbeugen wir uns rasch ein letztes Mal und sehen zu, dass wir wegkommen. Nicht ohne einem feisten, reuelosen Grinsen auf den Gesichtern. Max und Moritz im Land der aufgehenden Sonne.

Für die letzte Kendostunde kündigt Natsko San mir an, ich solle mein Zertifikat zum bestandenen Examen bereithalten. Sensei Matani hat, das erfahre ich Tage später, extra für mich beantragt, dass wir die Urkunden bereits am Prüfungstag erhalten. Den Tonnenschweren Drucker, den ich hinter der Jury ausmachen konnte, wurde also extra für mich, der es nichtmal fertig brachte ruhig auf den Knien zu sitzen, hergeschafft. Nichtsdestotrotz will Matani es sich nicht nehmen lassen uns die Ukrunden noch einmal persönlich zu überreichen. Der Form halber. Das Problem besteht nun darin, dass mein Koffer am explodieren ist und die Urkunde sicher GANZ unten verstaut liegt. Na super.

Natsko San fährt uns zur Sporthalle. Ein letztes Mal lege ich hier die Rüstung an und kämpfe zum ersten Mal sogar im Sparring gegen Fortgeschrittene. Bekomme natürlich ungeschont einen drauf gesetzt. Kurz vor Schluss fordert Sensei Shiina Jimmy und mich noch einmal zum Kirigaishi auf, bei dem wir uns zwar keinen Kampf liefern, aber mit lautem Schrei den Kopf des Partners attackieren. Jimmy kommt zuerst dran. Er ist bereits fix und alle, nachdem man ihm im Sparring ziemlich hart ran genommen hatte. Shiina deutet schließlich auf mich. Meine letzte Kendostunde. Mein letztes Kirigaishi. Ich gebe also noch einmal alles. Und bekomme kurz darauf das größte Lob, dass man mir nur geben kann. Die Fortgeschrittenen, Zuschauer und Senseis klatschen Beifall.

Wir übergeben unsere Geschenke und fahren schließlich ab. Einen kurzen Abstecher zu Kazuakis Haus, sodass ich auch Keteiro und Keishero Lebewohl sagen kann. Dann zu Dorothee; zum Abschied und weil ich mein Flugticket ausdrucken muss. Mit der Jüngsten hat sich das Verhältnis seit Neujahr nicht mehr gebessert. Weder Jimmy noch ich wissen wirklich was vorgefallen ist. Jeglicher Annäherungsversuch wurde frostig abgewiesen. Dorothee fordert uns auf ein Gruppenfoto zu schießen. Ich sehe bereits wie der Jüngsten das Gesicht einschläft. „I think it is fine, we already said farewell“, sage ich ohne zu lächeln. Dieses pubertäres Gehabe geht mir seit einer Weile ziemlich auf die Nerven. Sogar Dorothee entgeht die frostige Stimmung nicht. Tatsächlich zwingt man uns am Ende zu einem gemeinsamen Foto. Jimmy und ich drehen uns gleich darauf zur Tür um. Es gibt nichts mehr zu bereden. Draußen umarme ich Dorothee nochmal zum Abschied.

Ich gehe erst sehr spät Schlafen. Ich brauche Jimmys Hilfe um meinen Koffer zu schließen, außerdem haben wir Natsko Sans Familie noch gar nicht unser Dankeschön übergeben.

Es ist halb neun am Morgen als Natsko San, Jimmy und ich in Mito Station am Busbahnhof warten. Ich bin hundemüde. Und habe einen anstrengenden Weg vor mir. Über Shanghai nach Phnom Penh, rund zehn Stunden lang wenn man die Wartezeit im Transferbereich mitrechnet. Ich umarme Natsko San und Jimmy, letzteren nicht ohne dass wir uns gegenseitig einen Flugzeugabsturz und sonst alles Gute bis zum nächsten Wiedersehen wünschen.

Dann kommt der Bus. Ich kaufe meine Fahrkarte. Steige ein. Winke Natsko San und Jimmy zu. Bis der Bus auf die Hauptstraße abbiegt. Und vorläufig letzte Reiseetappe ihrem Ende zusteuert.

Es ist so, dass der weitere Verlauf meiner Reise mehr als ungewiss ist. Wer es penibel nimmt, könnte argumentieren, dass ich im Grunde bereits zwei Reisen gemacht habe; meinem sechswöchigen Zwischenstopp Zuhause zwecks Visabeantragung verschuldet. Wie lange dieser Stopp hier nun dauert kann ich nicht sagen. Zwei Bewerbungen entscheiden darüber. Entweder bekomme ich nochmal zwei Monate Zeit oder ich muss bleiben. In diesem Fall endet 2Millione hier. Noch aber will ich kein Fazit schreiben, in der Hoffnung, dass es weder hier noch jetzt endet.

 

 

 

 

Prüfungen und Abschiede

Anmerkung: Derzeit findet wieder unsere alljährliche Spendenaktion für das El Shadai Kinderheim in Chiang Rai (Nordthailand) statt! Mit den Spenden sollen das Schulgeld, Kleidung und Instandhaltungsmaßnahmen im Heim ermöglicht werden.


 

Meine Beiträge kommen derzeit immer im zweiwöchigen Rhythmus; halb meiner Faulheit und halb meinem Gefühl verschuldet, nachdem ich meine verbliebenen knapp drei Wochen hier noch so intensiv wie möglich auskosten will.

Tatsächlich ist in den vergangenen vierzehn Tagen so viel passiert, dass es mir beim Schreiben schwerfällt alles Revue passieren zu lassen. Ich versuche mich in der Zeit nach hinten zu arbeiten. Es ging gestern noch um japanischen Schwertkampf, davor um die Stadt Osaka, Souvenirkäufe in Mito, Abschiedsfeiern in unseren Englischklassen, einen weiteren Flohmarkt – ah, genau! Flohmarkt. So fing alles an.

Es scheint, als würde Dorothee uns so kurz vor Abreise alle nochmal möglichst lange auf den Feldern beschäftigen wollen. Zumindest verbringen wir Stunden damit, Zuckerrüben, Salate und anderes Gestrüpp zu ernten, zu schneiden und zu waschen. Ein weiterer Flohmarkt steht in wenigen Tagen an, also muss auch die Gastgeberin etwas verkaufen, denkt vermutlich Dorothee. In unserer verbliebenen Zeit streichen wir außerdem alle Zäune und den Balkon mit Lack; eine zeitaufwändige Arbeit, weil viele Holzteile sich irgendwo zwischen Glasschreiben befinden und wir oft mit einem Bohrer ganze Konstrukte demontieren müssen.

Dazwischen werden wir für einen ganzen Tag, recht unvermittelt, auf den Acker eines „Freundes“ abkommandiert. Besagter Herr in seinen Fünfzigern ist rundherum als ziemlicher Perversling bekannt, der offenbar hofft über Kontakte mit männlichen Ausländern an blonde und brünnette Ausländerinnen zu geraten. Frauen und Mädchen in seinem sozialen Umfeld scheinen ihn weitläufig zu meiden, was Dorothee nicht daran hindert uns drei (Jimmy, Clayton und mich) – als Gegenleistung für drei Sack Karotten die sie bekommt – auf sein Feld zu schicken. Es hilft alles nichts, wir müssen uns auf seinem Karottenacker krumm schuften, weil „sein Hüftgelenk kaputt ist“. Was ihn nicht daran hindert, völlig unbekümmert vor uns her zu laufen und gar Karottensäcke Zuhause alleine vom Auto zum Haus zu tragen. Ganz verübeln kann ich ihm die Aktion nicht; Karottenernten ist eine Sch*ßarbeit, mein Rücken tut am folgenden Morgen weh. Wir reden hier im übrigen nicht von den niedlichen Würzelchen wie bei uns Zuhause. Kaliber Zuckerrübe, knallorange und im lehmigen Boden klebend. Das auf einem gut einem Hektar großen Feld, fertig geworden sind wir beileibe nicht. Als Gegenleistung bekommen wir Arbeiter Instantcurry zum Mittagessen sowie einen Leib Weißbrot. Gut, letzteres gilt in Japan durchaus als Delikatesse. Mir ist zudem ein halbes Glas Nutella vom letzten familiären Besuch in Hong Kong verblieben, keine Frage worin wir das Brot am Abend investieren.

Der Fliegenmarkt geht mehr als unspektakulär über die Bühne. Kaum Besucher kommen, außer zur kostenfreien Yogastunde. Was irgendwie zwar schade ist, mich im tieferen Sinne aber nicht wirklich berührt. Ich habe gerade eine andere Sorge: Jimmy und ich wurden im Kendo zum Examen eingeschrieben. Und wir können per se gerade einmal die Hälfte von dem was uns abverlangt werden wird.

Am Freitagabend findet meine unerwartet letzte Judostunde in Sensei Ike-Uchis Dojo statt. Was mich wirklich traurig macht. Ich habe die Stunden der Übungskämpfe sehr genossen und gehofft, in der folgenden Woche nochmal herkommen zu können. Da hat das Dojo aber geschlossen. Noch mehr berührt mich, dass meine Lehrer und Mitschüler zum Teil ebenfalls etwas betroffen dreinschauen. Da gibt es nur eines: Ich muss gegen jeden einzelnen noch einmal im Randori antreten. Von den Schwarzgurten werde ich wie üblich zur Sau gemacht, mein einziger kleiner Erfolg gegen einen gut 100 kg schweren Kämpfer ist, dass ich mich beim Geworfenwerden zur Seite drehe und ihn im darauf folgenden Bodenkampf tatsächlich bewegungs- und somit kampfunfähig machen kann. Am Ende der Stunde schießen wir noch eine ganze Weile gemeinsam Fotos und tauschen die Kontaktdaten aus. Meine Trainer betonen, ich sei jederzeit im Dojo willkommen. Und wünschen mir alles Glück für meine anstehenden Auswahlverfahren in Deutschland. Ich blicke vor dem Verlassen des Dojos auf die rückgewandte Wand. Sie ist komplett behängt mit kleinen, schwarzen Holzplättchen. Auf jedem steht in weißen, japanischen Zeichen der Name eines Schülers der hier mit Erfolg trainiert hat. Dazwischen ein Plättchen, dass sich zweierlei vom Rest unterscheidet. Der Name wurde im Katakana geschrieben, einer japanischen Schrift die nur für ausländische Worte und Namen verwendet wird. Außerdem wurden die Zeichen mit der handschriftlichen Begabung eines Neugeborenen auf das Plättchen gekrakelt. „Nikorasu Haiden“ würde die wortwörtliche Übersetzung heißen. Ich muss lächeln.

Knapp zwei Wochen vor meiner Abreise ziehen Jimmy und ich nun in Natsko Sans Haus. Wir werden von ihrer Familie sehr herzlich aufgenommen und fühlen uns recht schnell wohl. Mit ihrem Sohn spielen Abends das neue „Star Wars Battlefront“ auf der Playstation 4, bekommen selbtsgemachte Nudeln, Hamburger und Sushi zu Essen und wissen nicht so recht wie wir uns dafür, vom Abwasch abgesehen, revanchieren sollen.

Die Abschiede von den Menschen hier versuche ich nun etwas kürzer zu fassen. Im Forest Volunteer Club hätte ich gerne mehr Zeit verbracht, stattdessen hat man uns auf das Karottenfeld eines Perverslings versetzt. Somit fällt dieser Abschied knapper, dafür nicht weniger herzlich aus, als ich es mir erhofft hätte. Auch hier wünscht man uns alles Gute und ein baldiges Wiedersehen.

Meine Samstagsklasse überrascht mich mit kleinen Zettelchen mit Abschiedsgrüßen und einer hübschen Zeichnung auf einem DIN a 4 Blatt. Mit etwas Wehmut sehe ich die Kids am Mittag abziehen. Es hat schon Spaß gemacht hier zu unterrichten. In der folgenden Woche, in der ich am Unterricht aufgrund eines Trips nach Osaka nicht teilnehmen konnte, erzählt Jimmy, dass die Kids nach mir gefragt hätten.

Auch eine letzte Stunde in der Handicapped Class bleibt mir gegönnt. Singen, tanzen, Spiele. Ich kann behaupten meine Zurückhaltung vor behinderten Menschen fürs erste abgelegt zu haben. Womit ich niemanden diskreditieren möchte! Ich wusste bloß früher nicht, wie man mit Menschen mit geistigen Behinderungen umgehen soll. Meine Antwort: Im Grunde wie mit jedem anderen Menschen auch. Bloß mit etwas mehr Selbstironie.

Eine kleine Enttäuschung erwartet mich in der Mittwochsklasse, die zugegeben deutlich mehr auf Jimmy geprägt ist. Dass das Schreiben von Abschiedszetteln von Dorothee initiiert wurde war mir auch klar. Ihrer Meinung nach bin ich mit den Grüßen der Samstagsklasse wohlauf bedient und habe keinen Anspruch auf selbiges aus der Klasse am Mittwoch. Ich bin ein eher passiver Mensch und erhebe auch keinen lauten Anspruch. Einen bitteren Beigeschmack erspart es mir allerdings nicht. Die Kids agieren indes so unbekümmert und zutraulich, dass ich mitunter bezweifle, dass sie von meinem Abschied überhaupt wissen. Ich belasse es dabei.

Zu Beginn der folgenden Woche bin ich oft unterwegs um mich mit Souvenirs für Familie, Freunde und nicht zuletzt (zugegeben, hauptsächlich) für mich selber einzudecken. Mit Misstrauen beäuge ich dabei meinen unglaublich flexiblen Koffer, der es aus irgendeinem Grund bisher fertig brachte nebst meiner Kleidung auch noch rund 20 Mangas (Gintama und meine Lieblingsstory „Another“), meinen Kendo Kimono, das Cosplay Outfit, meine Geschenke für Daheim und allen möglichen anderen Krempel unterzubringen, ohne das Maximalgewicht zu überschreiten. Mal sehen wie lange das noch gut geht.

Unter der Woche trainieren Jimmy und ich für das Kendo Examen wann es nur geht. Dutzende Wiederholungen der Katas mit den Holzschwertern, dazwischen Übungskämpfe in voller Rüstung.

Am Donnerstagmorgen sitze ich dann auch schon im Zug nach Osaka. Ahwi, manch einer erinnert sich vielleicht noch an meine Bekanntschaft aus Korea, kommt mit ihrer Schwester für einige Tage zu Besuch. Ich komme derweil einen ganzen Tag früher an. Nach einer gut fünfstündigen Zugfahrt, das Umsteigen in Tokio nicht inbegriffen, bin ich überglücklich als ich endlich in meinem Bett im Hostel liege. Das wiederum in einer Nachbarschaft liegt, die mich an irgendetwas zwischen Bronx und Las Vegas erinnert. Was man an Heimatlosen und Bettlern im Rest Japans nicht mitbekommt offenbart sich in Osaka. Dutzende, vielleicht hunderte befinden sich alleine schon im Distrikt Nishinari, dort wo auch mein Hostel ist. Am späten Abend gehe ich in einer Garküche etwas essen. Auf dem Weg das betrübende Bild von älteren Menschen, die offenbar ohne Dach über dem Kopf von dem leben, was im Lawson oder 7/11 nicht mehr als 200 Yen kostet. In meiner Stadtjacke und den Vans komme ich mir fehl am Platz vor. Versuche den Gedanken wieder beiseite zu schieben. Armut und Leid durfte ich in meinen zwei Reisejahren schon woanders tagtäglich sehen. Die Betretenheit, die mir jedes Mal dabei wieder hochkommt, hat es bislang nicht gemindert.

Ich google am folgenden Morgen rein interessehalber und stelle fest: Mich hat es wirklich in den seltsamsten Distrikt der Stadt gezogen. Nicht einmal 500 Meter entfernt soll ein Office des Yakuza Clans Azuma-Gumi liegen. Aus der Leseprobe einer Studie über die Boryokudan bzw. Yakuza notiere ich mir die Adresse. Folge der Wegbeschreibung. Tatsache. In einer unscheinbaren kleinen Straße, wo längst geschlossene Läden mit zerfetzten Schaufensterbannern an bessere Zeiten erinnern, ragt das graue Office wie eine Festung empor. Zwei Stockwerke hoch. Das Zeichen der Azuma Gumi wurde vor nicht allzu langer Zeit mit Zement überzogen; entweder aufgrund dem schärferen Vorgehen der Justiz oder wegen der wachsenden Konkurrenz mit den chinesischen Triaden. Eine offene Garage offenbart den Reichtum, den die Azuma Gumi laut Internet vor allem mit Pachinkohallen und Nachtclubs machen: Ein nagelneuer BMW sowie ein Rolls Royce.

Ich verbringe den halben Tag über mit Einkäufen. Traditioneller Tee für Zuhause als allererstes. Dann suche ich zu Fuß Den Den Town, in dem es von Manga- und Animefanshops nur so wimmelt. Ohne den Kauf einer Sportjacke mit der Aufschrift „Shinsengumi“ und dem Wappen der Tokugawa Dynastie, sowie einem Anhänger der Figur Sogo aus der Serie „Gintama“ komme ich von Den Den Town nicht mehr weg.

Am Abend dann treffe ich endlich Ahwi. Wir haben uns am HepFive, einem Riesenrad verabredet. Ich will ihr gerade schreiben, dass ich schon da bin; „Nicoooo!“ Verdutzt schaue ich auf. Mich reißt es unvermittelt nach hinten und presst meine gesamte Luft aus der Lunge. Hinter einer offenbar sehr fröhlichen Ahwi zudem eine zurückhaltende, aber sehr freundliche ältere Schwester. Wir haben leider nur diesen Abend zusammen. Ich muss am folgenden Tag schon wieder zurück, um es rechtzeitig zum Kendo Examen zu schaffen. Wir nutzen also jede Minute. Erster Programmpunkt: Riesenrad. Ich muss schlucken. Höhenangst. Ich sehe Ahwi zu, wie sie in der kleinen, beweglichen Gondel völlig unbekümmert vom Platz neben mir zu einer Lautsprecherbox springt (!), um ihren MP3 Player anzuschließen. Ich muss daneben einen recht erbärmlichen Eindruck machen, jedenfalls sieht sie es als Aufgabe mich durchgehend zu beruhigen. Grimmig stelle ich fest: Selbst Höhenangst ist zu etwas gut.

Von der Höhe kommen wir an diesem Abend nicht weg. Nächster Programmpunkt ist das SkyBuilding. Rund 140 Meter hoch mit Ausblick auf die Stadt. Wir finden das Gebäude zunächst nicht, ich kann mit meinem Basisjapanisch glänzen und nach dem Weg fragen. Der Ausblick vom SkyBuilding ist fantastisch, auch wenn man „leider“ (Zitat Ahwi) nicht direkt am Abgrund sondern gut 3 Meter hinter einem Zaun stehen muss.

Wir runden den Abend mit Pizza und Bier ab. Vor Mitternacht trennen wir uns bereits wieder. Mein Hostel schließt die Pforte um 12.

Zeitsprung zwei Tage später: Unser Kendo Examen steht an. Um halb neun am Morgen kommen wir etwas verspätet in eine große Stadthalle. Etwa 120 anderen Schülern, alle zwischen 10 und 15 Jahren alt, wird heute die Prüfung abgenommen. Wenigstens ein Dutzend Dojos ist hier vertreten. Wir ziehen uns schnell um, zum Üben bleibt wenig Zeit.

Ich hasse es auf Parkett zu knien. Während man uns offiziell begrüßt und das genaue Protokoll erklärt wechsle ich ständig meine Sitzposition. Ich bekomme meine Nummer: Die 65. Jimmy hat die 64. In Vierergruppen kommen wir im gerüsteten Prüfungsteil dran. Ich lege meinen Brustpanzer an, falte mein Kopftuch und setze den Helm auf. Tief durchatmen. Ich bin sehr nervös. Mein Shinai, das Bambusschwert, liegt neben mir. Nach etwa einer halben Stunde sind wir an der Reihe. Ich bin der vierte und letzte unserer Gruppe. Jimmy wird zu meinem Kampfpartner erklärt. Wir verbeugen uns. Machen uns bereits. „Kirigaishi“ ruft ein Juror. Neunmal attackiere ich Jimmy am Kopf, vorwärts und rückwärts laufend. Bei jedem Treffer „Meng“ rufend. Dann schlage ich zweimal gegen seinen Helm und laufe an ihm vorbei. Zurück zur Position. „Kek-ko!“ Die Aufforderung zum eigentlichen Übungskampf. Jimmy ist darin schon etwas erfahrener, entsprechend öfter erwischt er mich. Im Nachhinein werden wir von unseren Sensei gelobt, wir hätten eine gute Schau dargeboten. Auch die Kampfschreie seien deutlich zu vernehmen gewesen.

Wir bekommen eine Pause vor dem zweiten Prüfungsabschnitt, in dem wir Techniken mit dem Bok Ken, also dem Holzschwert zeigen müssen. Wir üben vor der Turnhalle im Freien, zusammen mit einem Jungen und einem Mädchen aus dem selben Dojo. „Perfekt“, lautet das Fazit eines lächelnden Sensei Shiina. Geht runter wie Öl.

Schließlich müssen wir wieder in die Halle. Ich verstehe nur wenig von dem, was die Juroren ins Mikrofon sprechen. Zwei Übungsabläufe, damit jeder weiß wo wir uns hinbewegen müssen, fehlinterpretieren Jimmy und ich als die eigentliche Prüfung. Es endet jedoch alles zum Guten. Auf einer Liste der Durchgekommenen entdecken wir unsere Nummern. Und sind zufrieden. Und sehr, sehr müde.Nach einer Reihe Gruppenfotos geht es endlich nach Hause. Ich lege mich schlafen, obwohl es nicht einmal vier Uhr am Nachmittag ist.

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Das große Tohuwabohu

Anmerkung: Derzeit findet wieder unsere alljährliche Spendenaktion für das El Shadai Kinderheim in Chiang Rai (Nordthailand) statt! Mit den Spenden sollen das Schulgeld, Kleidung und Instandhaltungsmaßnahmen im Heim ermöglicht werden. 


Wer auf den Gedanken kam ich hätte meinen Blog aufgegeben, bei dem möchte ich mich inständig entschuldigen. In den letzten beiden Wochen ging es dermaßen drunter und drüber, dass für die Aktualisierungen weder Zeit noch Nerv übrig blieben.

Man hatte uns nach unserer Rückkehr vom Schneefest in Sapporo offenbar schon etwas vermisst. Dorothee zeigt sich ungnädig, dass ich keine ihrer verschickten Fotos, von den mitunter seltsamsten Dingen die man nur fotografieren kann (Blumensamenverpackungen etc), beantwortet habe. Was zwar nicht der Grund dafür ist, dass sie uns bei unserer Ankunft im Hafen vom 30 km entfernten Oarai versetzt, mich aber in der leisen Ahnung bestätigt, dass sich in ihrem Kopf alles, bloß keine Ordnung abspielt. Dezent entnervt laufen Jimmy und ich an diesem noch frühen Abend durch den Ort, auf der Suche nach der Bahnstation. Bis wir das Ticket gekauft, die Bahn betreten und in Mito City nochmal für den Zug nach Hitachitsuda umgestiegen sind, ist es fast Mitternacht. Kurz nach erreichen wir zu Fuß das Haus.

Anna, eine etwa fünfjährige Schülerin unserer Samstagsklasse indes scheint nach wie vor einen Narren an mir gefressen zu haben. Was ich mir vielleicht auch nur einbilde in der Hoffnung, wenigstens ein Schüler sei auf mich geprägt. Kinder verwechselt man ja nur zu leicht mit Haustieren. Aber sie gibt meiner guten Laune an diesem Tag einen kräftigen Schub, etwa als sie mich beim Tanzen in Beschlag nimmt und konsequent gegen das Kontaminieren durch andere Mitschüler verteidigt. Ich sollte etwas sagen, eine Mahnung vielleicht; das weiß ich. Aber wie Jimmy lachend bemerkt: „Show that you deserve me!“.

Meinen zweiten politischen Blog führe ich seitdem konsequent GAR NICHT mehr. Folgender Grund: Ich sitze an zwei Bewerbungen, die mich nach aktuellem Stand für zwei bis vier Wochen ab Mitte März nach Deutschland zwingen. Halleluja. Zwecks einer Bewerbung muss ich sogar – sehr spontan – in das etwa 125 km entfernte Tokio verreisen um den Initiator eines NGO-Projektes für irakische, krebserkrankte Kinder zu interviewen. Zu dem Thema und der Hintergrundgeschichte äußere ich mich vorerst nicht. Aber drum herum kann ich zumindest erzählen, was uns in Tokio noch alles widerfährt. Dem Einen oder Anderen mag es eine Hilfe sein.

Ich sollte vorwegnehmen, dass wir am Ende des Interviews beide recht geschafft sind; Jimmy und ich. Ersteren habe ich kurzerhand als Übersetzer engagiert und ihm ein Zugticket nach Tokio gekauft – quasi als Entlohnung. Die Problematik besteht zunächst einmal darin, dass die Zusage für das Interview just an dem Samstag erscheint, an dem es stattfinden soll. Gegen 11 Uhr am Vormittag bekomme ich ein „Tonight at 7 I am free“ als Antwort. Ich schaue Jimmy an. „You got an answer?“, will er wissen. „Would you accompany me to Tokyo this afternoon?“, lautet meine Gegenfrage. Zwei Stunden später sitzen wir bereits im Zug. Vorsichtshalber mit Zahnbürsten und Duschgel im Gepäck. Während der Fahrt gehen wir alle möglichen relevanten Fragen für das Interview durch. Jimmy schreibt sich die Übersetzungen zurecht und googelt nach Fachbegriffen.

Wir erreichen Ueno Station am fortgeschrittenen Nachmittag. Eine Stunde verbleibt. In einem Starbucks Café schleifen wir noch an unserer englischen, aka japanischen Interviewrhetorik. Zwei japanische Studentinnen indes schmachten am Tisch nebenan. Laut Jimmys hinterher folgender Übersetzung müssen wir einen sehr seriös erfolgreichen Eindruck gemacht haben.

Unseren Interviewpartner, einen Japaner der NGO Jim Net, die zu diesem Zeitpunkt Zeichnungen irakischer Kinder in einer Gallerie in Chiyoda ausstellt, treffen wir pünktlich um sieben Uhr abends.

Zeitsprung, NACH dem Interview. Ich muss nochmal betonen, dass Grund und Zweck dieser Anreise eine Bewerbung war. Details kann und darf ich vermutlich erst in einigen Wochen nennen; falls ihr es bis dahin nicht schon vergessen habt 😉

Wir haben natürlich kein Hotelzimmer gebucht. Es war aber auch nicht abzusehen, dass das Gespräch so interessant und lang sein würde. Es ist zehn Uhr am Abend, als wir uns auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit machen. Die finden wir gut eine Stunde später im noch immer geschäftigen Shibuya – nahe der wohlmöglich bekanntesten Straßenkreuzung der Welt. Genau zwischen einem Restaurant und einem Puff lässt uns ein Concierge wissen, es seien zwei Kapseln im – nur für Männer zulässigen – Hotel frei. Höh? Es ist so: Viele Japaner in Tokio arbeiten viel und schlafen öfters gar nicht Zuhause (was ohnehin oft zu weit entfernt liegt). Die nahe liegende Option: Ca. 1,90 m lange, 50 cm hohe und breite Kapseln für umgerechnet rund 20 Euro die Nacht. Gemeinschaftsdusche und Toiletten inbegriffen.

Wir kommen gar nicht so oft in Japans Hauptstadt und auch wenn wir hundemüde sind, wollen Jimmy und ich zumindest noch etwas das Nachtleben erkunden. Clubs bleiben uns verwehrt – mit 19 Jahren ist Jimmy noch zu jung – und so laufen wir durch die von tausenden Menschen bevölkerten Nebenstraßen Shibuyas. Vorbei an verdächtigen, pink beleuchteten Hostels die ihre Zimmer nicht pro Nacht sondern Stunde vermieten, außerdem an Horden betrunkener Touristen und einer Gruppe Afrikanischstämmiger die – ich weiß es ist ein sehr trauriges Vorurteil, dass sich hier ausnahmsweise bestätigt – versuchen Jimmys Geldbörse zu mopsen. Als jemand, der in Toulouse gelebt hat, kennt dieser allerdings das typische Pickpocketing und hat die Taschen im Hotel geleert. Sein Gegenüber geht trotz perfektionierter Vorgehensweise – erst anrempeln und gleichzeitig in die Tasche greifen – leer aus. Vor einem türkischen Kebabstand rasten wir eine kleine Weile und essen – es war nach so langer Zeit einfach nötig – Döner. Ein Engländer kommt schwankend auf mich zu und setzt sich neben mich. Seinem offenbar bereits recht angeheiterten Zustand zum Trotz erkennt er sofort, dass wir die gleichen Schuhe tragen. Es ist nach Mitternacht, als wir zurück in unser Hotel gehen.

Die Nacht in den Kapseln gerät zur vermutlich traurigsten und unangenehmsten meines/ unseres Lebens. Es ist die Nacht zum Valentinstag und schon alleine der Anblick tausender Pärchen auf den Straßen Tokios, wenige Stunden zuvor, machte recht unglücklich. Dass aber das gesamte Programm auf dem kleinen Bildschirm in meiner Kapsel wirklich nur aus japanischen Pornovideos besteht, ich also in den ersten Minuten zum Valentinstag einer Reihe interessanter Interpretationen des Kamasutras beiwohnen darf, definiert für Singles das englische Wort „desperation“ in all seinen Facetten. Nicht gerade besänftigend wirkt das Wissen, dass etwa 30 Männer im Umkreis weniger Meter dasselbe Programm sehen. Von diversen, an Wänden pochenden Geräuschen einmal ganz zu schweigen. Damit ist es jedoch noch nicht getan. Es gibt keine Klimaanlage im recht kleinen Raum. Die Luft wird bereits nach kurzer Zeit eng und ziemlich drückend. Gegen vier Uhr Morgens, nach meinem ersten Exodus auf die Toilette, in der Hoffnung dort Schlaf zu finden, entdecke ich ein verstecktes Fenster, nah an meiner Kapselöffnung. Der Luftzug ist ein Segen. Falsch herum liegend finde ich dann endlich etwas Schlaf. Jimmy indes macht am nächsten Morgen den Eindruck, als haben das Fernsehprogramm und der Luftmangel bei ihm einen Schlaganfall ausgelöst. Tatsächlich fand er keine Sekunde Schlaf. Und hatte auch nicht das Glück, nah genug am Fenster zu liegen. Wenigstens ist es ihm vergönnt, den Onsen im zweiten Stockwerk in Anspruch zu nehmen. Ich kann mir nur die Haare waschen, aufgrund meiner Tätowierung muss ich meine Kleidung anbehalten.

Wir machen uns noch einmal auf den Weg zur Gallerie mit den Kinderzeichnungen. Für Ahwi, eine Freundin aus Korea die ich bald wieder sehe, kaufe ich ein filigranes Armband, das von einem der Kinder gefertigt wurde. Die Zeichnungen bedrücken ob ihrer Ehrlichkeit und Indiskretion was Gewaltakte angeht. Kinder sollten von solchen Dingen eigentlich keinen blassen Schimmer haben. Glauben zumindest wir aus dem sicheren Westen. Wir hinterlassen vor unserem Abschied noch jeder eine Spende für Jim Net.

Grund und Zweck der ganzen Aktion sind nun reibungslos verlaufen. Nach einem ausgiebigen und absolut notwendigen Frühstück in der Metrostation in Shibuya verlaufen wir uns zunächst im unterirdischen Gebäudekomplex. Auf unserer Odyssee durch die doch recht beachtlichen Tiefen des Metrosystems schließt sich uns eine junge Japanerin auf der Suche nach dem Ausgang an. Sie: Eigentlich hübsch, leider bis zur Unkenntlichkeit mit Make Up maskiert und einem Gehabe, dass stark an irgendwelche Fetisch-Mangas erinnert. Immerhin ist sie eine Hilfe und gemeinsam finden wir den ersehnten Ausgang. Am frühen Nachmittag sind wir dann bereits wieder in Mito City.

In der folgenden Woche sind wir arbeitstechnisch wieder vollauf beschäftigt. Die Gräben am Waldrand müssen weiter ausgehoben werden, die Kids im Unterricht wollen zudem bespaßt sein (was ja auch Spaß macht) und wir sind weiterhin als Hilfskräfte im Forest Volunteer Club tätig. Diese Woche allerdings zum letzten Mal. Denn wir verlassen Dorothees Haus im März. Eine Entscheidung, die weitere Konflikte mit ihrem Gatten vermeiden soll. Jimmy und ich ziehen in das Haus einer uns gut bekannten Freundin; Natsko-San, um genau zu sein. Eigentlich planen wir, danach weiter in der Schule zu unterrichten. Das hat sich – meinerseits – allerdings auch wieder geändert. Mehr dazu später noch.

Im Judo gelingt es mir erstmals einen erfahrenen Schwarzgurt dreimal hintereinander auf die Matte zu legen. Er hatte wohl keinen guten Tag. Die Rechnung bekomme ich beim Eintreffen eines weiteren, 100 kg schweren Kämpfers. Schwarzgurt. Mich legt es dann wieder regelmäßig, auch wenn mein Gegenüber betont, ich sei kein ungefährlicher Gegner für ihn. Das Kendo lasse ich in dieser Woche ausfallen; mein Arm tut weh – mal wieder. Am Donnerstag ist zudem Yukis Geburtstag und wir sind eingeladen ein einer benachbarten Präfektur in einem Beetle´s Café Pizza zu essen. Kein schlechter Deal.

Nun zu den derzeitigen Entscheidungen über meinen weiteren Verbleib im Land der aufgehenden Sonne. Wie beschrieben, muss ich wieder mal nach Deutschland, Rückreisedatum ungewiss. Weil ich denke, dass ich hier bereits eine sehr schöne Zeit hatte und die Konstellation in meinem Kollegen- und Arbeitskreis eine völlig neue sein wird, halte ich es für besser die verbliebenen ein bis zwei freien Monate woanders zu verbringen. Ich spiele zum Einen mit dem Gedanken, nochmal nach Thailand zu gehen. Arbeiten darf ich dort zwar nicht, aber wohnen und im Haushalt aushelfen ginge klar. Dazu jeden Tag wieder Thaiboxen wäre auch etwas. Daneben habe ich Anfragen nach Seoul abgeschickt, eventuell ginge noch eine Beschäftigung als Englischlehrer klar. Oder ich gehe nach Hong Kong. Mal sehen.

Ab in den Norden

Wenn ich gerade aus dem Fenster blicke ist es sonnig. Ungewöhnlich, gestern um diese Zeit hätte ich keine drei Meter rausgucken können. Geschweige auf die hohen Bürogebäude von Sapporo auf der gegenüberliegenden Seite. Der tägliche Blizzard hätte alles einfach verschluckt. Doch der Reihe nach.

Das Schneefest in Sapporo, auf Japans Nordinsel Hokkaido, hatten Kollege Jimmy und ich bereits vor Monaten ins Auge gefasst. Somit muss ich eingestehen, war der Beginn der Woche – die Tage vor der Abreise – lange nicht so anstrengend wie es als Gegengewicht zu meiner Faulheit gesund gewesen wäre.

Wir verbringen die meiste Zeit im Dreck, will sagen in Dorothees geplanten neuem Gartenprojekt, an dem wir irgendwie schon seit November rumwerkeln; ihr erinnert euch vielleicht noch an die Badewannennummer. Von diesen Wannen zieren nun mittlerweile gut zehn Stück den Rand des Grundstückes; die Gräben haben wir in den vergangenen Monaten ausgehoben und dabei – mal wieder – allerlei archäologischen Müll zutage gefördert; vermutlich 5000 Jahre alte Tonscherben, außerdem panzerbrechende Munition aus dem zweiten Weltkrieg. Halleluja.

In meiner Freizeit, die sich vornehmlich auf den späten Nachmittag konzentriert, schreibe ich weiterhin fleißig an meinem Pressespiegel-Blog-Whatever asien aktuell. Und sinniere, wie sollte es anders sein, über das was ich in Japan bislang erreicht habe.

Viel Kampfsport: Check. Japanische Kultur und Sprache: Hm ja… Okay, check. Beziehungen zu Japanern: Mist. Hoppla, denkt ihr euch? Nun, es ist irgendwie so:

In den vergangenen Wochen seit Silvester sind Jimmy und ich aus irgendeinem Grund ziemlich isoliert vom Rest unserer, wie wir glauben, japanischen Freunde. Nacci hat es sich aus einem mir unergründlichen und ggf ihren 16 Jahren verschuldeten Grund zum Ziel gesetzt, uns komplett zu ignorieren. Jegliche Annäherungsversuche – normale Gespräche bis hin zum gegenseitigen Boxen – sind bis jetzt gescheitert. Ob wir sie irgendwann beleidigt haben, die Aktion im Cosplay im Supermarkt aufzukreuzen oder ob ihr eine Reihe Geschehnisse außerhalb unseres Sichtfelds einfach zu viel geworden sind, lässt sich somit nur schwer einschätzen. Etwas schade finden wir es allerdings schon.

Mit Natsko San und Yuki hatten wir so gut wie gar keinen Kontakt; erstere sehen wir zwar beim Unterrichten der Handicapped Class, das war es dann auch schon. Letztere scheint derzeit viel Arbeit und wenig Zeit zu haben.

Keteiro und Keishero sehe ich zumindest ab und an im Judo, auch wenn ich es bis jetzt jedes Mal verpasst habe ins Training zur Privatschule zu fahren.

Im Kendo indes läuft es zumindest mehr als zufriedenstellend. Unsere beiden Senseis sowie weit fortgeschrittene Schüler haben mich einzeln getestet und für gut genug befunden, beim nächsten Mal mit dem Bok-ken, dem japanischen Holzschwert, die Kattas für die Prüfung zu trainieren; an der ich voraussichtlich gar nicht teilnehme. Der Kampfschrei, den ich mich zu Beginn geweigert hatte mit zu trainieren, scheint derweil auch zu beeindrucken. Nach dem mich mein Gegenüber brüllend auffordert lauter zu sein, hole ich einmal tief Luft und setze alles auf einen tiefen, laut brüllenden Ton. Ich stocke. Muss lachen. Eine der Mütter der Teenager die hier trainieren, ist in diesem Moment hinter mir zur Tür herein und gleich zusammengefahren. „Gomenasai“ will ich mich entschuldigen, aber da geht es auch schon weiter.

Es ist Mittwochabend, wenige Stunden vor unserer Abfahrt nach Hokkaido. Heute ist steht ein traditionell japanisches Fest namens Setsu-Bun an, bei dem es um die Vertreibung von Dämonen sowie das Ende des Winters geht. Alle zusammen fahren wir zum Schrein, dessen Hüter die Familie einer Freundin von Nacci ist. Das Prozedere der Zeremonie kommt mir vom Neujahrsbrauch noch recht bekannt vor. Diesmal beten allerdings drei Mönche zusammen. Während des Gesanges kommen diese sogar zu den knienden oder sitzenden Gläubigen, um diese zu segnen; uns Gaijin mit eingeschlossen. Wofür der Berg an Kisten hinter uns gut ist, erfahre ich keine halbe Stunde später. Wenigstens einhundert Kinder warten im Hof darauf, dass die Süßigkeiten in den Kisten in die Menge geworfen werden. Dorothee fordert uns auf mitzumachen, ich fange meinem Fotografiewahn verschuldet kein einziges Päckchen. Traditionell sollten es eigentlich nur Bohnen sein. Diese den Dämonen entgegen zu schleudern soll vor Unglück bewahren. Dem Spaß der Dämo… Entschuldigung, ich meinte Kinder, verschuldet greift man in der heutigen Zeit auf beliebteres Naschwerk zurück. Ich treffe Keteiro auf einem Konstrukt. Er wirft mit Freunden die Beute in die kreischende Menge. Ob Jimmy und ich helfen wollen? Klar, wieso nicht.

Drei Stunden später bereits sitzen Jimmy und ich in unserer Kabine der Fähre, die uns nach Hokkaido bringen soll. Dorothee hat uns zum Hafen in Oarei, unweit der Stadt Hitachinaka gefahren. Die Tickets waren bereits reserviert, alles verläuft problemlos. Ich merke schnell, dass kein fester Boden unter meinen Füßen mehr da ist. Mein Hirn wundert sich erst einmal darüber, was für ein Balanceakt vonnöten ist, um mich heil von der Kabine ins Bad zu manövrieren. Mein Magen merkt nach einer Weile an, dass zum Krampf und Kotzen zwar – noch – keine Notwendigkeit bestünde, jedoch etwas zum Verdauen durchaus hilfreich wäre. Gefragt, getan. Meinen Proviant vernichte ich bereits zur Hälfte vor dem Schlafengehen.

18 Stunden dauert die Überfahrt. Die gar nicht mal so kleine Fähre erkunden wir auf eigene Faust, es gibt eine Außenfläche direkt an der Reling die man betreten darf. Den eiskalten Wind einzuatmen tut gut. Links von uns sehen wir die japanische Ostküste. Verschneite Berge geraten ins Blickfeld. Man merkt, es geht nach Norden.

Es ist dunkel, als wir den Hafen von Tomakomai erreichen. Kaum verlassen wir das Schiff, fängt es heftig an zu schneien. Dicke Flocken tauchen den mit bunten Lichtern dekorierte Außenbereich in eine recht (ver-)spätweihnachtliche Stimmung. Von einem Bus keine Spur. Der käme in 1:30 Stunden, erfahren wir. Glücklich über den festen Boden unter meinen Sohlen, nutze ich die Zeit um mit meinem neuen Weitwinkelobjektiv zu experimentieren und esse munter Eiscreme mit Teegeschmack und Reisbällchen, die ein Kiosk im Terminal verkauft.

Wir haben für diese Nacht gar kein Hotel. Dies fiel uns glücklicherweise schon vor Wochen auf. Die naheliegende Option heißt: Couchsurfing. Auf einer Website können sich Menschen registrieren und ihre Wohnung als befristete Unterkunft für Reisende anbieten. Elene heißt eine chinesische Studentin in Sapporo, die uns für eine Nacht Unterschlupf gewährt. Wir finden ihre sehr kleine (etwa 20 Quadratmeter große) Wohnung verglichen schnell. Direkt neben der Uni, nahe einer U Bahnstation.

Die Tür ist offen, wir treten ein. „Elene?“, frage ich. „She´s in the bathroom“. Den jungen Mann an der Tür kenne ich nicht. Dafür den Akzent. Eindeutig. „Where are you from?“, folgt meine Frage nach dem formellen Vorstellen. „Germany“ (gesprochen Dschermanie). „Das trifft sich“. Verwunderte Blicke. Zwei deutsche Couchsurfer hat Elene bereits vor zwei Wochen aufgenommen. beide recht freundlich, der eine eher desinteressiert es sei denn es geht um Literatur und Poesie. Der andere ziemlich interessiert an allem.

Wir verstehen uns mit allen – Elene eingeschlossen – recht gut. Besagter Poesiefan liest vor dem Schlafengehen ein ellenlanges englisches Gedicht, der andere schläft bereits bei rund der Hälfte. Jimmy lässt sich zu einem Flüstergespräch über Poesie – er hatte zwei Semester lang Philosophie studiert – hinreißen, das ich unsinnigerweise – genervt verschlafen wie ich bin – mit blöden Sprüchen kommentiere. Mein Kollege hat zusammengefasst einen wohlmöglich besseren Eindruck hinterlassen. Wobei ich auch nicht nicht behaupten muss, ich sei aufdringlich gewesen.

Wir verlassen Elenes Haus bereits am Morgen des nächsten Tages. Nicht ohne einen Eintrag in ihrem Gästebuch zu hinterlassen und zu garantieren, dass Tür und Tor offen sind wann immer sie nach Frankreich oder Deutschland kommt. „See ya maybe again“.

Wir machen uns zu Fuß auf den Weg durch die halbe Innenstadt. Sapporo ist komplett verschneit. Wir finden das Hotel nach einigem Hin und Her. Ich atme erleichtert aus. Da zeigt mir Schicksal schon seinen rechten Haken.

Fassungslos starre ich auf die Buchung. Jimmy bemüht sich um ein Lächeln. Später erzählt er mir, er habe für eine Sekunde gehofft sein Japanisch sei nicht so gut um das, was der Concierge sagte, verstehen zu können. 05. bis 11. Januar steht auf der Buchungsbestätigung. WAS ZUM… Ich habe keinen Plan wie das passieren konnte. Bin mir sogar sehr sicher, dass ich mehrfach bei der Buchung auf Februar geklickt habe. Was bin ich auch blöde und überprüfe die Buchungsmail nicht.

Es hilft nichts. Die Stimmung ist am Boden. Wir buchen uns neu ein. Was uns satte 68000 Yen kostet, als rund 450 Euro. Was sollen wir auch machen. Die Hotels dürften sonst alle ausgebucht sein, Elene erwartet in ihrer Wohnung heute vier neue Couchsurfer.

Weil dieser peinliche Fehler eindeutig auf meine Kappe geht, bezahle ich Jimmys Anteil zu 3/4 mit, was dem Zimmerpreis den wir zuvor bezahlten entspricht. Wir betreten den Fahrstuhl. Ich schaue Jimmy an. Die Fahrstuhltür geht auf. Wir können nicht mehr. Ich habe lange nicht mehr so Tränen gelacht.

Auch beim Verlassen des Hotels, um die Gegend zu erkunden, können wir mit dem Lachen nicht aufhören. „This was kind of: Hey, I am rich! And life says: Oh, I can fix that!“ Es war so, dass ich beim Kofferpacken ungewöhnlich viel Geld zusammen bekommen habe und noch großspurig meinte, das könnte für meinen restlichen Aufenthalt in Japan reichen. Die Geldbörse ist nun traurig leer.

Das Schneefest in Sapporo ist nicht alt, verglichen mit anderen Traditionen. In den 50ern des 20ten Jahrhunderts haben Studenten und Schüler kleine Wettbewerbe in Eis- und Schneekunst abgehalten. Daraus entstand ein riesiges Fest mit jährlich rund 2 Millionen Besuchern.

Wir passieren eine lange Allee aus Eisstatuen: Drachen, Prinzessinnen, Autos, Bierflaschen, kleine Gebäude, Kinderrutschen, Bienenwaben, Fische, Schwäne und noch um einiges mehr. Ich bin ziemlich beeindruckt. Im Stadtpark warten derweil die Hauptattraktionen: Drei riesige Schneestatuen: Die erste zeigt eine Szene aus dem Anime „Attack on titans“, die zweite Figuren der Serie „Dragonball Z“. Die dritte wirkt dagegen etwas einfallslos, es ist ein Schneemann in XXXXXXXXXXXL. Nebst dem außerdem ein großer Fressalienmarkt, kleine Schneestatuen, eine Bühne komplett aus Eis, eine kleine Schneebühne für Theatervorführungen und eine Skisprungrampe für Jungtalente.

Im Laufe der Tage besichtigen wir oft den Park, manchmal bei tag, manchmal bei Nacht. Die Zeit dazwischen verbringen wir vorzugsweise im Warmen; Animeserien schauen, Essen, einfach mal ausspannen ohne das morgendliche „Ohayooooooo gozaimasuuuuu“, dass uns, einmal zurück in Hitachinaka, erwartet.

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